Guter Unterricht:

Guter Unterricht ist unterhaltsam und effizient.

Er respektiert die Individualität der Schülerinnen und Schüler und geht auf sie ein. So kann es gerade im Deutschunterricht eine besondere Herausforderung sein, von Natur aus eher schweigsame Menschen am mündlichen Unterricht zu beteiligen.

Der Deutschunterricht bietet die Möglichkeit, gesellschaftliche, philosophische und psychologische Themen aufzugreifen und sollte dies auch tun.

Guter Unterricht schafft eine offene, menschliche Atmosphäre. Im Gegensatz zu einer verkniffenen oder gar zynischen. (Geschrieben am 26.2.2017)

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Praxisbeispiel: Vor einigen Wochen besuchte ich die Doppellektion einer sechsten Fachmaturaklasse. Als Thema war Sturm & Drang anhand Schillers «Kabale und Liebe» sowie Goethes «Prometheus» angekündigt. Die beiden Stunden haben mich positiv beeindruckt. Schon die Lehrperson selbst, ein Mittvierziger, war erfreulich: erfreulich freundlich, erfreulich offen und erfreulich breit gebildet, wie ich schon im Vorgespräch merkte.

Das (knifflige) Thema Sturm & Drang begann der Lehrer locker und verblüffend mit einer Quizfrage aus der Millionen-Show, verharrte aber nicht zu lange auf dem Epochenbegriff und stieg in den ersten Akt von Schillers Drama ein. Die Schülerinnen und Schüler hatten den Text offenbar genau gelesen, jedenfalls folgten auf die Fragen des Lehrers gute Antworten. Die Facetten der eigentümlichen Sprache des Dramas wurden gemeinsam und mit viel Sorgfalt beleuchtet. Ehrlich gesagt war ich erstaunt über die konzentrierte und produktive Diskussionsarbeit, dennoch war die Stimmung unaufgeregt und wirkte nie angestrengt. Interessanterweise stellte der Lehrer den Begriff «bürgerlich» (bürgerliches Trauerspiel) zur Diskussion und führte die Diskussion irgendwann zur Frage, was «bürgerlich» denn heute bedeute. Klug auch seine Zweifel, ob man die SVP heute noch eine bürgerliche Partei nennen könne. Ehrlich ermunterte der Lehrer zum Widerspruch – als dieser ausblieb, blickte er spontan zu mir, und ich stellte seinen Ausführungen zur Bürgerlichkeit den Begriff des Citoyens gegenüber.

Beide Lektionen blieben über ihren gesamten Zeitraum spannend, und dass für den «Prometheus» keine Zeit mehr blieb, kümmerte schliesslich niemanden. Ich war echt beeindruckt. Am meisten beeindruckte mich aber, dass mich der Lehrer danach fragte, was er hätte besser machen können. Ich musste ein Weilchen überlegen und antwortete ihm, dass er mir so ein bisschen vorgekommen sei wie ein Turm des Wissens im Klassenzimmer. Und dass seine Schülerinnen und Schüler womöglich eine Spur zu viel Respekt davor hätten, diesen Turm intellektuell anzugreifen oder gar einzunehmen – worum er ja gebeten habe. Er könnte ja vielleicht versuchen, bewusst ein paar Breschen in diesen Turm zu hauen, um eine kontroversere Diskussion zu fördern. Der Lehrer war dankbar für die Anregung. (Geschrieben am 1.3.2017)

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