Nicht immer voll rein

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Zum spezifischen Thema der Korrektur einer kurzen Schülerbiografie stelle ich mir folgende Frage:

– Soll man mit dem Rotstift in einen so intimen Text wie eine Biografie hineinschreiben? Wäre das nicht taktlos? (Bei «aufgrund von meinem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom» haben Sie den Genetiv vergeigt.) – Ich denke, hier sollten es einige (wohlwollende) Zeilen am Ende des Textes auch tun. Das «Falsche» kann man da für einmal wohl ausblenden, denn es ist in diesem speziellen Moment zu unwichtig.

Allgemeine Fragen zum Thema Texte korrigieren:

– Ist es wirklich möglich, den Fluss, die Kohärenz und den Rhythmus eines Textes zu bewerten und gleichzeitig auf Interpunktion, Orthografie, Grammatik und Syntax zu achten? Braucht es für diese beiden Bewertungsbereiche (Mikro-/Makroperspektive) nicht je eine Lektüre? Wenn ja, wer macht das im Schulalltag?

– Wenn ich als Werbetexter Texte von Juniortexter*innen begutachte, verwende ich die Duden-Korrekturzeichen (bzw. eine vereinfachte Form davon) wie sie auch Lektorinnen und Korrektoren benutzen. Was spricht dagegen, dies auch im Deutschunterricht zu tun?

 

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Fachdidaktik II – Bitte weiter so!

Der Fachdidaktik-I-Kurs war ganz klar das Highlight des ersten Semesters auf dem Weg zum Lehrdiplom. Philipp hat eine ebenso persönliche wie professionelle Art, die Theorie mit der Praxis zu verknüpfen. Die Bereitschaft, sich vom geplanten Vorlesungsverlauf wegführen zu lassen, vermittelt mir nicht nur konkrete Ideen einer agilen Didaktik, sondern auch agiles Lernen meinerseits. Der Lernverlauf ist somit von grosser Natürlichkeit geprägt: Die Lerninhalte wachsen sozusagen organisch von Frage zu Frage, und die vielen thematischen Kurven decken schliesslich ein beträchtliches Feld ab. Die wohl nicht total berechneten Lektionen Philipps entsprechen – in wohl berechnender Weise – der nicht total berechenbaren Natur der Lernenden und des Unterrichts. Philipps Art, dieses Modul zu unterrichten, motiviert mich sehr. Vielen Dank, und bitte weiter so, Philipp.

Gut wäre, wenn wir die Fachliteraturhinweise von Philipp schliesslich in Form einer simplen Liste haben könnten. Es wäre dann hilfreich, diese mit der Pflichtlektüre für die Diplomprüfung abgleichen zu können.

Der Kanon ermöglicht den Diskurs

Die Wahl eines Textes ist weniger wichtig als die Art und Weise, wie man ihn bearbeitet. Doch es wäre naiv zu glauben, es gäbe keinen Kanon. «Richtschnur» ist mir die liebste Übersetzung des altgriechischen kanón. Die wichtigste Funktion des Kanons ist wohl, eine gemeinsame Basis für den kulturellen Diskurs zu bieten. Ohne Kanon würden wir uns vermutlich nur gegenseitig mit Buchtipps überhäufen, ohne je zu dritt über die einzelnen Titel diskutieren zu können.

7. Schuljahr: Dürrenmatts «Romulus der Grosse» – weil das Stück humorvoll und zugänglich ist; Rilkes «Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort» – weil es die Schönheit von Gedichten nachvollziehbar macht («Die Dinge singen hör ich so gern»); Arno Camenischs «Hinter dem Bahnhof» – weil es zeigt, dass auch eine einfache Sprache kunstvoll sein kann.

10. Schuljahr: Schillers «Wilhelm Tell» – weil hier der Umgang mit (literarischen) Vorurteilen thematisiert werden kann; Heines «Der Schelm von Bergen» – weil man Heine kennen muss (Kanon!), aber nicht unbedingt wegen der «Lorelei»; E.T.A. Hoffmanns «Der Sandmann» – weil es die dichtesten, spannendsten und verrücktesten fünfzig Seiten der deutschen Literatur sind.

12. Schuljahr: Katja Brunners «Geister sind auch nur Menschen» – damit man merkt, dass auch heute noch (und sogar in diesem Land) Dramen geschrieben werden; Goethes «Prometheus» – weil die Schülerinnen und Schüler jetzt reif dafür sind, die herrliche Wut darin zu erkennen; Frischs «Der Mensch erscheint im Holozän» – weil hier mit dem Klischee vom rationalen, kühlen Frisch aufgeräumt werden kann, das sie vom «Homo Faber» her ja bestens kennen.

 

 

 

 

Schreiben Sie das auf!

Zu Frage 3: Nichts hält mich wirksamer davon ab, etwas aufzuschreiben, als die Aufforderung, eben dies zu tun. Beim Umgang mit Notizen beginnt ja im Grunde die Entwicklung zur Hochschulreife, also das unabhängige Denken – denke ich. Die Fähigkeit, selber herauszufinden, welche Art der Wissensverarbeitung die beste für mich ist, bildet die lerntechnische Grundlage für ein Universitätsstudium. Als Gymnasiallehrer muss ich sicher technische Inputs geben, sollte aber letztlich dazu ermuntern, den jeweils individuell besten Weg zur Wissensverarbeitung zu finden.

 

 

 

Meine Übungslektion zum «ersten Satz»

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Es hat wirklich Spass gemacht, und die (Halb-)Klasse war wie erwartet sehr munter. Mein Unterrichtsplan ist grundsätzlich aufgegangen – mit einer ungewollten, aber leider dringend nötigen Beschleunigung zum Schluss. Verbessern muss ich das, was wohl auch am anspruchsvollsten ist: das Austarieren von Thementiefe, Vernetzung der Unterrichtselemente und des Zeitfaktors. Geht man zu lange in die Tiefe, verliert man ja Zeit für die Vernetzung längs der Zeitachse. Ist man umgekehrt nur am Vernetzen, fehlt hier und dort die Tiefe. Und muss man immer hier und dort ein bisschen austarieren, verliert man schnell mal den Zeitrahmen aus den Augen. Gleichzeitig soll natürlich der Rhythmus der Lektion schön harmonisch bleiben. Es mangelt also nicht an Herausforderungen für die nächsten Lektionen. 45 Minuten sind tatsächlich sehr schnell vorbei. – Das schriftliche Feedback von Philippe ist übrigens sehr präzise, sehr gut strukturiert und jederzeit konstruktiv, also sehr wertvoll und motivierend.